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teribloG Rezensionen #3 (ab 2024)


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Ralf Jörg Raber: Beliebt bei älteren Damen und jüngeren Herrn. Paul O’Montis - Biografie eines Vortragskünstlers, Berlin 2021.
Dan Piepenbring (Hg.): Prince - The Beautiful Ones. Die unvollendete Autobiografie. München, 2. Auflage 2019.
Gabi Müller-Ballin: Andreas, Lubov, Jacques. Vergessene Fremdarbeiterkinder in Nürnberg während des Zweiten Weltkriegs. Berlin 2024.


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Autor: Gerhard Jochem

Datum: 05.07.2024

Titel: Gabi Müller-Ballin: Andreas, Lubov, Jacques. Vergessene Fremdarbeiterkinder in Nürnberg während des Zweiten Weltkriegs. 260 Seiten, 7 Illustrationen. Berlin 2024.


(Abbildung: Verlag)


Kinder waren die schwächsten Opfer der Nazis, ob als Angehörige der rassisch und politisch verfolgten Gruppen oder unerwünschte Anhängsel der Ausländerinnen, deren Arbeitskraft im Reich für den deutschen Angriffskrieg ausgebeutet wurde. An ihrem Beispiel zeigt sich besonders deutlich die ideologisch motivierte Menschenverachtung des Systems, aber auch die geschäftsmäßige Hartherzigkeit der in Arbeitsverwaltung und Beschäftigungsbetrieben Verantwortlichen. Umso verwunderlicher (oder bezeichnender) ist es, dass dieses wichtige Thema auf regionaler Ebene erst nach 80 Jahren von einer Privatforscherin mit Recherche- und Publikationserfahrung auf dem Gebiet der Zeitgeschichte angepackt wurde, die auch noch die Finanzierung stemmte, und nicht von einer Universität oder einem subventionierten historischen Institut.

Das Ergebnis ist trotz der dürftigen Überlieferungslage - die einschlägigen Akten der Firmen sind nach 1945 ebenso spurlos verschwunden wie die von NSDAP, Staat und Kommunen - das deutschlandweit einzige biografische Inventar der in Geburten- und Sterberegistern sowie Meldeunterlagen greifbaren Kindern von Fremdarbeitern, die bis Kriegsende in einer Stadt - Nürnberg - lebten.

Die Autorin meisterte die Komplexität des Themas, die schon bei der Definition des Personenkreises beginnt, indem sie konsequent in mühevoller Kleinarbeit die einzelnen Schicksale rekonstruierte, auch wenn so meist nur die Eckdaten zusammenkamen. Aus den 321 hier dokumentierten Fällen lassen sich auch gesicherte übergreifende Erkenntnisse gewinnen, darunter die erschütterndste, dass ein Viertel der ausländischen Säuglinge und Kleinkinder starb. Diese horrende Quote zeigt auf der Mikroebene die konkrete tödliche Konsequenz des NS-Rassenwahns: Slawen waren ohnehin Untermenschen, aber auch im restlichen besetzten Europa rekrutierte Arbeiterinnen rangierten in der Hierarchie nach den deutschen Volksgenossen, was ihr Nachwuchs bei Ernährung, Unterbringung und ärztlicher Versorgung zu spüren bekam.

In der Draufsicht ergibt sich das Bild eines improvisierten Umgangs mit den lästigen kleinen Lebewesen, die das reibungslose Funktionieren der Rüstungsmaschinerie störten und erst geduldet werden mussten, als im Verlauf des Krieges der Nachschub an Arbeitskräften versiegte und die Rückführung der Schwangeren in ihre Heimatländer als einfachste Lösung fortfiel. Widerwillig richteten die Firmen dürftige Räumlichkeiten für Mütter mit Kindern ein, aber man animierte Ostarbeiterinnen auch zu Abtreibungen, die in der Universitätsklinik Erlangen durchgeführt wurden, was deutschen Frauen außer zur Ausmerzung unwerten Lebens verboten war.

Wann immer die Quellen es zulassen, zeichnet Müller-Ballin das familiäre Umfeld und den Weg der Individuen nach: Oft waren die Mütter aus der Ukraine, von wo die meisten Arbeiterinnen kamen, blutjung und unverheiratet, besonders tragisch die Fälle, in denen sie und ihre Kinder bei alliierten Bombenangriffen getötet wurden, weil sie sich im Gegensatz zur deutschen Bevölkerung nicht ins weniger gefährdete Umland flüchten konnten.

Die Autorin hält sich mit Ableitungen und Rückschlüssen zurück. Sie präsentiert die Fakten und überlässt es weitgehend den Leserinnen und Lesern, über die Einzelbiografien hinaus einen Gesamteindruck zu gewinnen. Dieser Ansatz bewahrt das Werk vor jeglicher Sentimentalität, erzeugt aber bei jedem gefühlsbegabten Menschen tiefe Empathie. Denselben Effekt haben die sensiblen Illustrationen von Lisa Ott, die nicht nur die visuelle Lücke füllen, die das Fehlen von Fotos der Betroffenen hinterlässt, sondern das im Text Gesagte eindrucksvoll auf den Punkt bringen.

Dieses Buch war überfällig und könnte sogar Brücken bauen, denn einige der Fremdarbeiterkinder sollten noch am Leben sein und sich darüber freuen, dass endlich an sie erinnert wird, so sie davon erfahren. Nürnberg als Geburtsort im Ausweis dürfte ihnen gerade im kommunistischen Osteuropa nicht zum Vorteil gereicht haben
.



Links:

rijo: Zwangsarbeit in Nürnberg - Fakten statt Verdrängung  

Barbara Jablonska: Wir waren Sklaven wie Sigena. Zur Einweihung des Nürnberger Zwangsarbeitermahnmals am 15.10.2007

Feodosija Miheevna Rigaeva (ukrainische Zwangsarbeiterin): Zwei Briefe aus der Ukraine

Wera Greegorewna G. (ukrainische Zwangsarbeiterin): Aber unterhalten haben sie sich mit uns nicht


Tag:
#03

 

Autor: Gerhard Jochem

Datum: 08.01.2024

Titel: Dan Piepenbring (Hg.): Prince - The Beautiful Ones. Die unvollendete Autobiografie. Aus dem Amerikanischen Englischen von Eike Schönfeld und Claudia Wuttke. München, 2. Auflage 2019. 296 Seiten, zahlreiche Farb- und Schwarzweißabbildungen.


(Abbildung: Verlag)


Bevor das Projekt jäh durch seinen Tod am 21. April 2016 beendet wurde, war der Herausgeber erst seit Januar des Jahres als Co-Autor der Autobiografie von Prince verpflichtet worden. Was von diesen Plänen blieb, waren die Aufzeichnungen der Gespräche des Journalisten, außerdem erhielt er nachträglich Zugang zu persönlichen Unterlagen des Künstlers, um die mit dem Verlag vereinbarte Publikation abzuschließen.

Die Verantwortlichen gingen nicht den naheliegenden Weg, auf dieser Grundlage eine weitere Prince-Bio mit vielen Fotos zu verfassen, sondern entschieden sich aus Pietät bewusst dafür, nur den Bericht über Piepenbrings persönliche Erlebnisse mit Prince und die Quellen mit Erläuterungen zu veröffentlichen. Die Struktur des Resultats muss man sich erst aneignen, um schließlich festzustellen, dass dieses Konzept dankenswerterweise ein Maximum an O-Ton von Prince bietet, keine der sonst in Darstellungen über Pop-Größen oft üblichen Sammlungen von Zitaten aus Zeitschrifteninterviews oder langatmigen subjektiven Interpretationen ihrer Songs.

Das aufwendig gestaltete Hardcover-Buch in Violett und Gold mit Lesebändchen und anspruchsvollem Layout, gedruckt auf haptisch angenehmes Papier - eine andere Ausstattung wäre dem Stil der Hauptperson auch nicht angemessen gewesen - zerfällt in drei Teile:

1) Die Begegnungen Piepenbrings mit Prince (bis S. 47), ehrlich, sensibel und witzig beschrieben: Ein unbekannter junger Autor bekommt die Chance seines Lebens, darf mit seinem Idol auf Augenhöhe reden, doch das Schicksal zerstört seine Träume und lässt ihn auch menschlich tief traurig über den Verlust zurück.

2) Das Manuskript von Prince für das gemeinsame Vorhaben (bis S. 119), das Schlaglichter auf seine Entwicklung seit der Kindheit bis zur High School wirft (und weder Selbstmitleid noch Skandalgeschichten enthält). Die handschriftlichen Blätter - obwohl er ein PC-Nerd der ersten Stunde war, benutzte er hierfür Papier und Kuli - sind als Faksimile und in Übersetzung wiedergegeben sowie mit Privatfotos illustriert.

3) Sehr persönliche Aufzeichnungen von Prince (bis S. 294): Fotos, Kritzeleien, Entwürfe für Songtexte bis 1986, darunter besonders aufschlussreich ein Fotoalbum, das er 1977 während Plattenaufnahmen in Kalifornien anlegte, und ein Exposee für das Drehbuch von Purple Rain. Dieser umfangreichste Abschnitt gibt den Leser(inne)n das Gefühl, sie hätten selbst in seinem Schreibtisch stöbern dürfen. Es ist ein intimes Erlebnis, seine Selfies zu sehen, seine prägnante Schrift auf linierten Notebook-Seiten, die Texte von Hits wie 1999 oder Kiss mit auffällig wenig Korrekturen, aber auch unveröffentlichtes Material. Geschmälert wird das Vergnügen dadurch, dass die seitenfüllend reproduzierten Abbildungen es nicht mehr zuließen, Transkriptionen und Kommentare direkt am Objekt zu platzieren, weshalb man hin und her blättern muss. Trotzdem entsteht das schlüssige Bild eines humorvollen, extrem begabten und hübschen Jungen, der wusste, was er wollte - ein Grund, sich (wieder) in ihn zu verlieben.

In Piepenbrings Werk begegnet man Prince ganz zu Anfang und kurz vor dem abrupten Ende seiner Karriere, kommt als Normalsterblicher einem musikalischen Genie so nahe wie möglich, erkennt in Ironie, Spott und Selbstzweifeln seine Menschlichkeit. Natürlich ist es ein Muss für Fans, aber auch jeden, der einen authentischen Eindruck von diesem Superstar gewinnen will, der zeitgenössisch oft als arrogant, verschlossen und verschroben galt. Dass von seiner Autobiografie nur diese Fragmente geblieben sind, ist passender für seinen ruhelosen Geist als ein monumentaler Wälzer
.



Links:

  • Unser Projekt Prince in Deutschland 1986-88
  • Facebook-Gruppe Prince in Deutschland 1986-88


  • Alben bis 1986 bei YouTube:

  • For You (1978)
  • Prince (1979)
  • Dirty Mind (1980)
  • Controversy (1981)
  • 1999 (1982)
  • Purple Rain (1984)
  • Around The World In A Day (1985)
  • Parade (1986)


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    #02

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    Autor: Gerhard Jochem

    Datum: 01.01.2024

    Titel: Ralf Jörg Raber: Beliebt bei älteren Damen und jüngeren Herrn. Paul O’Montis - Biografie eines Vortragskünstlers. 271 S., zahlr. sw-Abb. Berlin 2021.


    (Abbildung: Verlag)


    Der beim Berliner Metropol Verlag erschienene, kenntnisreich, akribisch, mitunter sogar liebevoll und leidenschaftlich geschriebene Band, welcher mit detaillierten Quellennachweisen, Personenregister und einer Chronologie der Auftritte wissenschaftliche Ansprüche erfüllt, rekonstruiert den nur sehr lückenhaft dokumentierten Lebensweg eines Live-Entertainers, der in den 1920er und 30er Jahren zu den populärsten im Deutschen Reich zählte. Er geriet in Vergessenheit, weil die Nazis den Menschen brutal auslöschten und der Krieg viele Unterlagen vernichtete. Außerdem haben sich keine Filmaufnahmen erhalten, die späteren Generationen ein lebendiges Bild von ihm vermitteln könnten.

    Paul Emanuel Wendel wurde am 3.4.1894 im ungarischen Újpest als einziges Kind eines deutschstämmigen evangelischen Ehepaares geboren. Als der Vater starb, war Paul etwa fünf Jahre alt. Die Mutter zog mit ihm in die lettische Hauptstadt Riga, die damals zum russischen Zarenreich gehörte und Heimat einer bedeutenden baltendeutschen Minderheit war. Bei der Scheidung ihrer dort geschlossenen Ehe war der Junge elf. Martha Wendel verdiente ihren Lebensunterhalt mit Unterricht in Malerei und Kunsthandwerk und war Laienschauspielerin. Pauls von ihr ererbte Liebe für die Musen wurde ab 1910 durch die dritte Ehe mit dem Musikalienhändler Carl Oberg, von dem er später seinen Künstlernamen O’Montis ableitete, verstärkt: Ihm standen dadurch alle aktuellen Schallplatten seiner Vorbilder zur Verfügung. Bereits in der Mittelschule trat er als Alleinunterhalter auf und wirkte als Librettist und Regisseur an Theateraufführungen mit. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs wurde er 1914 wegen seiner deutschen Abstammung als Zivilinternierter nach Sibirien deportiert. 1918 kehrte er nach Riga zurück und begann eine Karriere als, nach damaligem Sprachgebrauch, Interpret intimer Lieder, in der Folgezeit unter der griffigeren Bezeichnung Chansonnier.

    Bald siedelte er in die kulturelle Weltmetropole Berlin über, wo er sich neben der Bühne auch als Grafiker sowie Film- und Buchautor versuchte. Berühmtheit erlangte er aber durch Live-Auftritte und zahlreiche Platten (s.u.). Mit seinem Markenzeichen, einem Monokel im linken Auge, schmalzte, jodelte, sächselte und schluchzte er, modulierte seine wandelbare Stimme und sang Bedeutungsschweres wie Und dieser Perser wurd’ immer perverser (in Ramona Zündloch). Er pflegte ein blasiertes Erscheinungsbild, auf Autogrammkarten nicht etwa mit einer Komiker-Grimasse, sondern eulenhaft ernst blickend, mit gebieterisch hoher Stirn, gleichzeitig ein Star und dessen Parodie. Schon der Gegensatz zwischen affektierter Attitüde und den übermütigen, teils schlicht albernen Texten seiner Schlager dürfte bei der Zuhörerschaft Lachsalven ausgelöst haben.

    Er erhielt langfristige Engagements in renommierten Berliner Kabarett-Theatern und ging hauptsächlich in Ostdeutschland und im Baltikum auf ausgedehnte Tourneen. Dabei konnte er als Zugpferd bei Unterhaltungsabenden üppige Gagen verlangen. Sein vokalistisches und darstellerisches Können fand sogar mehrfach die Anerkennung des sonst hart urteilenden Schriftstellers und Kritikers Max Herrmann-Neiße.

    Die Schilderung seines Lebens im Kontext des Amüsierbetriebs in Hauptstadt und Provinz, u.a. mit Informationen über das Einkommensgefüge in der Branche oder Aufnahmetechnik und Vertrieb von Tonträgern, ist der stärkste Teil des Buches. Um sich gegen eine unerbittliche und oft neidvolle Konkurrenz durchzusetzen, musste O’Montis die Erwartungen der Zuschauer jeden Abend mit Singen, Tanzen, Wortvortrag, Conference und Improvisation erfüllen - eine Bandbreite von Fähigkeiten, die heutige Comedians nur selten zu bieten haben.

    Auch auf das Repertoire geht der Vf. differenziert ein: Es beinhaltete zwar viel leichte Muse und vergnüglich Frivoles, zu seinen größten Erfolgen zählte aber ein nach dem Totengebet Kaddisch benanntes melancholisches Lied aus einem ostjüdischen Schtetl. Der Lapsus bei der Textübertragung (S. 130), Mein Kind muss beten für deine Taten, statt korrekt für seinen Taten, das jiddische Wort für Vater, ist verzeihlich. Bei einer Neuauflage wäre auch auf S. 151 aus dem Du sollte es jedoch nicht mehr kommen ein Dazu zu machen.

    Bis in die ersten Monate der NS-Herrschaft tat O’Montis’ nicht offensiv vermarktete, aber zumindest Kennern der Szene auch nicht verborgene Homosexualität seiner Beliebtheit selbst bei einem konservativen Publikum keinen Abbruch. Sein Auftreten, das titelgebende zeitgenössische Werbezitat und Sonks (seine Aussprache von Song) wie Was hast du für Gefühle, Moritz? reichen dabei nicht aus, um ihn zum explizit schwulen Unterhaltungskünstler zu erklären, denn damals tuckte auch der Familienvater Theo Lingen brillant näselnd herum: Während der Weimarer Republik durfte erstmals mit den Geschlechterrollen gespielt werden, bis die Nazis sie wieder eindeutig und primitiv festlegten.

    Bei einem Gastspiel in Köln wurde Paul O’Montis am 13.12.1933 festgenommen. Ihm wurden sexuelle Kontakte zu zwei Minderjährigen vorgeworfen. Das harte Urteil von einem Jahr und neun Monaten Haft, die er laut Häftlingskarte in den Arolsen Archives nicht in Köln, sondern Siegburg bzw. Bonn absaß (Hinweis von Herrn Thomas Auburger, Nürnberg), bedeutete das traurige Ende seiner bürgerlichen und beruflichen Existenz in Deutschland.

    Hier verliert das Narrativ des Werks mit Schmuddelgeschichten aus den Ermittlungsakten die Orientierung und die Hauptfigur gerät ins dämmrig schwüle Zwielicht des hemmungslosen Jugendverführers. Um die Vorgänge richtig einzuordnen, genügt die Frage, was wohl einem heterosexuellen Bühnenstar passiert wäre, der sich eine minderjährige Geliebte anschaffte. Die überwiegende Bereitschaft, solches Verhalten gesellschaftlich zu tolerieren, wäre vorhanden gewesen, eine Gefängnisstrafe äußerst unwahrscheinlich. Dagegen spielte sich jede Form schwuler Sexualität in einem geächteten und kriminalisierten Milieu ab.

    Nach der Entlassung konnte O’Montis nur noch im Ausland auftreten, wofür er problemlos einen Reisepass erhielt. Über diese Phase schreibt der Vf. mehrfach von Emigration, aber es gibt keine Anhaltspunkte, dass er sich um eine andere Staatsangehörigkeit bemühte, auch wurde er offenbar nie ausgebürgert. Fatalerweise blieb der Entertainer in der Nachbarschaft des Dritten Reichs, um sein deutschsprachiges Publikum nicht zu verlieren: Über die Stationen Schweiz, Österreich, die Niederlande und Kroatien kam er in die Tschechoslowakei, wo er im Januar 1939 in Prag wiederum wegen Geschlechtsverkehrs mit einem Achtzehnjährigen verurteilt wurde, aber durch eine Generalamnestie bereits im Folgemonat freikam.

    Am 15. März 1939 besetzte die Wehrmacht die Rest-Tschechei und O’Montis hatte keine Auftrittsmöglichkeit mehr. Seit seiner Verurteilung 1934 war er beim Geheimen Staatspolizeiamt in Berlin als wegen widernatürlicher Unzucht Vorbestrafter registriert, jetzt befand er sich als Wiederholungstäter erneut im Machtbereich der Nazis und wurde am 27.6.1939 in Prag verhaftet. Der Vf. spekuliert hier über einen konkreten Anlass, doch die Sachlage erlaubte der Polizei ohne Gerichtsverfahren jederzeit die Verhängung einer unbefristeten Schutzhaft, da Homosexualität grundsätzlich als staatsfeindlich galt. Die süffisant klingende Bemerkung (S. 207), enthaltsamer gelebt hat er [O’Montis] wohl nicht, nachdem die Deutschen Böhmen und Mähren überfallen hatten, wirkt unpassend, weil sie der verzweifelten Zwangssituation des Betroffenen nicht gerecht wird.

    Am 30.5.1940 wurde der frühere Bühnenliebling ins KZ Sachsenhausen bei Berlin eingeliefert, wo es einen eigenen Block für Homosexuelle gab, die in der Häftlingshierarchie ganz unten standen und noch mehr unter den Demütigungen durch die SS zu leiden hatten als ihre heterosexuellen Mitgefangenen. Der Tod von Paul O’Montis am 17.7.1940 war aller Wahrscheinlichkeit nach ein als Suizid verschleierter Mord, ein bei unliebsamen Insassen übliches Verbrechen.

    Rabers Buch lässt das schillernde Unterhaltungsbusiness in der ersten deutschen Republik und einem heute nicht mehr existierenden Europa auferstehen, in dem ein deutscher Sänger und Komödiant erfolgreich und wie selbstverständlich jenseits der Sprachgrenzen auftrat, weil die Kultur dieses Landes internationale Strahlkraft besaß. Die Vernichtung dieser Welt war einer der Kollateralschäden des NS-Größenwahns, der wegen Vertreibung und Ermordung der schwulen, oppositionellen oder jüdischen Komponisten, Texter und Interpreten nach 1945 nie wieder wettgemacht werden könnte.

    Paul O’Montis war nicht der bunteste Paradiesvogel der Szene, aber einer ihrer schönen Schmetterlinge, der es verdient hat, an ihn endlich fundiert und korrekt zu erinnern. Wie ein Blick ins Internet zeigt, wurde seine lesenswerte Biografie jedoch innerhalb von zwei Jahren noch nicht hinreichend rezipiert. So gibt sie der Wikipedia-Eintrag zu O’Montis zwar als Quelle an, enthält aber weiterhin hanebüchene Fehlinformationen (z.B. Jugendzeit in Hannover, Verschleppung nach Zagreb). Vielleicht kann diese Online-Rezension den misslichen Zustand ändern.



    weitere Lieder von Paul O‘Montis bei YouTube

    Adelheid, du hast den "Sex Appeal" (1930)

    Danke schön, es war bezaubernd

    Das Chanson für Hochwohlgeborene

    Die Susi bläst das Saxophon

    Die zerbrochene Schallplatte

    Fünf-Uhr-Tee bei Familie Kraus

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    Ich bin verrückt nach Hilde

    Mein Bruder macht im Tonfilm die Geräusche

    Wilhelm Tell - Eine Tonfilm-Parodie


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